Eine Reise in die Dolomiten. …oder wie „Charly“ ein neues Zuhause fand.

Ganz herzlichen Dank für diese tolle Geschichte über unseren ehemaligen Schützling Charly!

Eine Reise in die Dolomiten.

oder wie „Charly“ ein neues Zuhause fand.

Eine Kurzgeschichte von Maja Bottazzi

 

Samstag. Ein besonderer Tag. Ich erkläre Ihnen das mal:

Samstag für Tiere mit Besitzern, mit freundlichen Besitzern bedeutet:  Spielen, schmusen,  Käfige sauber machen, Gassi gehen, leckere Sachen vom Wochenendeinkauf mitgebracht bekommen. Die Menschen sind zu Hause und die Familie kümmert sich um Kinder und Tiere.   Samstag für Tiere mit blöden Besitzern bedeutet: Unlustig! Da fällt Besitzern die nicht nett sind zu ihren Tieren oft noch viel un-netteres ein. Samstag für Tiere ohne Besitzer, welche in einem netten Tierheim wohnen, zum Beispiel das in Hilden: ein besonderer Tag! Ein Tag voller Hoffnung und Aufregung. Manchmal am Ende des Tages auch ein wenig traurig, aber auf jeden Fall der wichtigste Tag der ganzen Woche.  Samstags kommen uns Menschen besuchen, welche ein Tier in ihre Familie aufnehmen möchten.  Samstags geht es da zu wie im Taubenschlag. Menschen rein, Menschen raus. Hunde die fröhlich kläffen, weil sie spazieren geführt werden, glänzende Kinderaugen, in der Hoffnung einen pelzigen Kameraden zu finden und natürlich uns Tiere, welche aufgeregt und nervös darauf warten, dass uns jemand für sich entdeckt. 

Ich heiße Charly. Vorher hatte ich schon andere Namen, das aber nur am Rande. Ich bin ein graues-weißes  Schlappohr und erzähle ihnen jetzt vom aufregendsten Samstag aller Zeiten.

Da saß ich also. Wie immer. Bestens geputztes Fell und freundlichster Gesichtsausdruck… Rein und raus ging es an diesem Samstag  bei uns im Nagerhaus.  Und der Tag ging schon zur Neige als eine Mutter mit ihrer Tochter und einer Freundin  vor meinem Käfig innehielten: „Was meint Ihr? Der sieht doch süss aus.“ „Oder vielleicht der dort drüben?“ „Das Alter würde perfekt passen, die Größe auch.“  „Laßt uns mal an den Empfang gehen und ein paar Informationen holen.“

…und schon waren sie wieder weg! Jetzt hieß es hoffen! Nur nicht nervös werden.  Aber dann, endlich, nach einer Weile kamen sie wieder zurück.  Der Käfig wurde aufgemacht und ehe ich mich versah wurde ich auf dem Arm der netten Frau geparkt. Dann auf dem Arm des lächelnden Mädchens. Dann wieder auf dem Arm der Frau. Oh je! Mir wurde schon ganz schwindelig. Wieder in den Käfig. Türe zu. Sehe noch wie sie rüber gehen  zu meinen Kumpel gegenüber. Und dann sind sie schon wieder weg…  Ich sage ihnen, mir wurde ganz flau im Bauch! Und noch flauer, als sie nach einer Zeit über alle Ohren grinsend zurück kamen und vor meinem Käfig halt machten. Allen Anschein nach sollte ich der Glückspilz sein, welcher eine neue Familie bekam. Die Geschichte, welcher  ich in Wortfetzen lauschen konnte, machte mich allerdings ein wenig unsicher:  Transportkorb leihen, lange Reise, mit dem Zug, in die Berge, super lange  Fahrt, heute Nacht frei im Badezimmer weil kein Käfig… Na, das konnte ja lustig werden! Was mich jedoch hellhörig machte: Eine Kaninchendame wartet im neuen Zuhause auf mich… Ein Lichtblick!

Und ehe ich mich versah, saß ich in besagtem Transportkorb. Ich hab ja eigentlich inzwischen gute Nerven, hab ja schon einiges mitgemacht: Erster Besitzer, ausgesetzt, Tierheim,  zweiter Besitzer, zurückgegeben, wieder Tierheim… und  jetzt das! Aber  nun ja – freundlich waren die Leute. Also auf ins Abenteuer!

Der erste Abend ging dann allerdings ganz schön in die Hose. Ich hab vor lauter Aufregung  zwei Wolldecken, eine Bettdecke und zwei Handtücher vollgepieselt. Meine neuen Menschen, und der Mann bei dem wir übernachtet haben vor der Heimreise, hatten mich zum kennenlernen zu sich aufs Sofa und auf das Bett geholt. Sie hatten Angst, daß ich ihnen sonst unter den Schränken verschwinde…nun ja und was soll ich sagen, das war das erste, das zweite, das dritte und noch andere Mallöre schnell passiert. So schnell konnten die die Sachen gar nicht frisch beziehen, wie ich schon wieder Pipi mußte. Aber niemand war böse mit mir. Alle haben mich gelobt und mir Mut gemacht, daß das ganz (oder fast) normal sei, wenn man aufgeregt sei. Nette Menschen!

Am nächsten Tag sind alle sehr früh aufgestanden. Mein Transportkorb wurde mit zwei Handtüchern ausgelegt und dann wurde es dunkel für mich. Sie hatten den ganzen Korb in eine Decke gehüllt, damit es mir unterwegs nicht kalt werden konnte. Wir hatten schließlich Januar und mein Fell war auch nicht besonders dick. Als wir im Auto saßen, da hörte ich wie meine neuen Menschen sagten: „Zum Bahnhof bitte.“ Was auch immer ein Bahnhof ist? Aber nun ja, abwarten… Das Mädchen schaute unterwegs immer wieder besorgt zwischen den Deckenfalten in meinen Korb und hatte anscheinend ganz schön Angst um mich. Das fand ich gut, weil Menschen die Angst um einen haben sind Leute die sich um einen kümmern. Denen ist man nicht egal. Und glauben sie mir, Menschen denen man egal ist  hatte ich im Leben schon genügend kennengelernt.  An Bahnhof angekommen war es so kalt und laut, dass ich sogar durch meine Decke hindurch einiges hörte und trotzdem die kalte Luft spüren könnte. Mann, hatte ich dann doch Angst!  Ich dachte mein Hasenherz exlodiert, so wild hat es geschlagen. Meine Menschen sind aber am  Bahnhof ein wenig bei Seite gegangen, dort war es etwas wärmer und ruhiger.  Ich wusste zwar nicht was ein Zug ist, aber anscheinend hatte dieser Verspätung  und wir drei mussten lange warten. Endlich war es soweit. Meine Box wurde eine weite Strecke getragen und es wurde sehr laut und kalt für kurze Zeit. Immer wieder angehoben, abgestellt, weitergeschoben und wieder weitergetragen wurde ich und endlich befanden wir uns im Inneren dieses sogenannten Zuges. Mollig warm und  leise war es dort. Zum Glück!  Die  Decke wurde runtergenommen und ich konnte meine freundliche neue Familie wieder sehen. Es schauten auch andere Menschen zu mir rein und ich hörte immer wieder: „Ein Kaninchen! Das ist ja nett! Und es fährt in Urlaub?“

Was heiß hier Urlaub? Die haben aber gar nichts verstanden! Ich fuhr erster Klasse in mein neues Zuhause!

Was ich allerdings nicht wußte, wie weit mein neues Zuhause weg war. Ich sperrte  also während der langen, langen Fahrt meine Lauscher auf und so langsam setzte sich die Geschichte wie ein Puzzle zusammen. Meine Menschen unterhielten sich miteinander, mit anderen Mitfahrenden und manchmal telefonierten sie. Bald konnte ich mir auf alles einen Reim machen. Und die Geschichte ging so:

Meine Menschen hatten zuhause eine Kaninchendame, diese war verwitwet und sie suchte einen neuen Mann für sie,  damit sie nicht länger alleine sein müsse.  Dort wo die Familie wohnte, gab es zwar ein Tierheim, aber  keines mit  Kaninchen. Als sie dann in Deutschland jemanden besuchten, erzählte eine Freundin, dass das Tierheim in Hilden nette Kaninchen habe… und so fing alles an.

Während der Fahrt wurde ich immer wieder  auf den Arm genommen und ich konnte meine neuen Menschen kennenlernen. Nett waren die und vor allem waren sie sehr fürsorglich. Ich war zwar viel zu aufgeregt zum fressen, und das will was heißen bei mir, aber sie boten mir alles möglich an, streichelten mich viel und das Mädchen schaute mich immer ganz verliebt an. Was für ein Glück! So ging es also über viele Stunden. Rein in die Box, raus aus der Box, die Landschaften welche man vom Zugfenster aus sehen konnte veränderten sich, das Licht veränderte sich und auch die Mitreisenden veränderten sich.

Zwischendurch wurde meine Box dann wieder verpackt, es wurde wieder laut und kalt und ganz schön unruhig,  aber schon saßen wir im nächsten Zug und alles ging von vorne los. „Oh eine Kaninchen auf Reisen!“ das war, glaube ich, der Satz den wir am meisten gehört haben. Meine Menschen lächelten dann immer ganz stolz, streichelten beruhigend mein graues Fell und gaben mir zu verstehen, dass mir nichts passieren könne.

Unterwegs hörte ich dann mehrfach etwas von einem gewissen Ort Namens: Brenner. Das schien was Besonderes zu sein. Die Menschen sagten das immer so hochachtungsvoll: „Oh, bis zum Brenner?“ „ Ach, und noch weiter?“ „ Wie weit?“ „ So weit?“ „ Ach da leben sie? Nein! So hoch oben?“ „ Aber dort spricht man doch italienisch!“ „ Wie schön!“ „Da war ich mal in Urlaub!“

Ich fand das Ganze sehr mysteriös, zumal ich mir langsam Gedanken machte, ob meine Kaninchendame wohl auch italienisch spräche und ich wohl Tag ein, Tag aus über Berge hoppeln sollte.

Aus den Menschengesprächen hörte ich dann heraus, dass es in die Dolomiten ginge. Das die Familie in einem Bergdorf auf 1300 m Höhe lebe, es außer dem Kaninchen noch einen Hund, eine Katze und Pferde gäbe. Und das man hoffe, dass ich mich bald eingewöhnen werde .

Am berühmten Brenner angekommen ging es dann wieder raus in die Kälte. Meine Menschen meinten zwar: „Geht ja, sind nur – 15 °C.“, aber so als Hildener Kaninchen muss ich sagen – mir sind fast die Ohren abgefallen. Freundliche Polizisten haben dann meinen Menschen geholfen das Gepäck zu tragen. Als die Polizisten weg waren mussten meine Menschen  ganz schön kichern: „Hätten die Polizisten gewusst wie schwer der Koffer ist, hätten sie bestimmt nicht ihre Hilfe angeboten.“ „Lieber hätten sie wohl unseren Charly getragen.“ „Aber den tragen wir selbst!“

Am berühmten Brenner, der wie ich jetzt weiss die Nordseite der Alpen von der Südseite trennt und die Grenze von Österreich nach Italien darstellt, dort stand das Auto meiner neuen Familie geparkt. Wir waren also über drei Länder gereist. Deutschland, Österreich und jetzt Italien. Weiter ging unsere Reise. Durch  viele, viele Kurven. Gut das ich vor lauter Aufregung den ganzen Tag nichts gegessen hatte, sonst wäre es mir wahrscheinlich furchtbar schlecht geworden.

Endlich kamen wir dann in der Dunkelheit an.  Nach über 11 Std Fahrt! Im neuen Zuhause wurde ich dann freundlich von allem empfangen. Der Mann von meiner neuen Menschenfrau, also der Vater vom netten Mädchen, erwartete mich auch schon ganz gespannt. Er bewunderte mein schönes graues Fell und meine schönen Schlappohren. Aber statt meine neue Herzensdame hat mich dann erst der Hund und die Katze begrüßt. Der Hund hat mich gleich abgeschleckt und die Katze, welche ja eigentlich ein Kater ist, hat gleich schnurrend seinen Kopf an mir gerieben. Komisches Tier. So plumpe Vertraulichkeiten gleich am ersten Abend. Aber nun ja! Wir sind in „Bella Italia!“ und da sind die Sitten vielleicht andere. Ich hab mir sagen lassen, dass man hier „La dolce vita“ – das „süsse Leben“ genießen soll. Und das werde ich jetzt auch tun!

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Wie das ausschaut? Sage ich ihnen!

Meine Herzensdame hat schwarze Haare wie Schneewittchen, wunderschöne Mandelaugen und schlanke, weisse Füßchen. Unser Apartment hat zwei Etagen und tagsüber kann man, wenn man will,  im Kinderzimmer frei rumlaufen. Zweimal täglich gibt es bestes, handgemähtes Bergwiesenheu und allerlei Grünzeug. Das Wasser kommt vom Gletscher und schmeckt nicht nach Chemie. Meine neue Familie geht behutsam mit uns um und wir können laufen und klettern soviel wir wollen. Am Anfang hab ich mich zwar ganz schön umstellen müssen…naja, bis ich kapiert habe, dass man nicht überall wo man geht und steht köttelt oder Pipi macht. Auch anknabbern wird nicht gern gesehen. Hüpfen und klettern musste ich auch erst lernen, aber ich werde von Tag zu Tag sportlicher….sagt zumindest meine Nele. So heißt meine Dame. Meine Familie  lobt mich immer ganz doll, wenn ich es alleine schaffe irgendwo rauf zu klettern oder neue Ideen habe wie man etwas transportieren kann. Sie sagen immer – ich soll nur fleißig weiter machen und alles lernen. Tatsächlich habe ich gar nicht gewusst, was Kaninchen in einem entsprechend großen Käfig oder auch ausserhalb so alles machen können. Aber ich lerne jeden Tag dazu. Wobei – es gibt nichts besseres als sich abends nach einem langen Kaninchentag komplett in duftendem Heu zu vergraben und rundherum die besten Gräser raus zu rupfen.

Ich lebe jetzt also hoch oben in den Dolomiten und habe es gut wie nie. Und soll ich ihnen noch was verraten: Die reden hier gar kein italienisch. Zumindest nicht immer! Das nennt sich hier Südtirol und wenn sie mal Zeit haben, dann kommen sie doch mal hier vorbei.  Im Winter ist es oft sehr kalt und es dauert manchmal ein halbes Jahr bis der Schnee vergeht, aber dann kommt der Bergsommer… und auf den freue ich mich! Meine Nele sagt, dann gibt es jeden Tag frische Wildkräuter aus den Wiesen hinterm Haus oder von den Almen – das wird toll!

Und soll ich ihnen noch was verraten?

Samstage in Hildener Tierheim sind etwas ganz besonderes. Oft sitzt man den ganzen Tag und hofft, dass eine nette Familie kommt. Viele Samstage kommen und gehen wieder. Andere Kumpel haben das Glück mitgenommen zu werden. Manchmal wird man mitgenommen und doch wieder  zurück gegeben. Das ist schrecklich und man ist dann auch traurig. Aber irgendwann, dann kommt die richtige Familie. Und egal wie weit der Weg dann ist, jeder hat die Chance die richtigen Menschen zu finden. Oder die Menschen haben die Möglichkeit für sich das tollste Tier zu finden. Und deshalb sind Tierheime und  die vielen Menschen die dort arbeiten etwas ganz Tolles und Wertvolles. Weil nur so bekommen wir Tiere nocheinmal die Chance auf ein gutes Leben. So wie ich!

Und wie sagt man in meinem neuen Zuhause:  „Olls Guite fir Sie und ihre Tiare. Gian sie guit mit ihnan um sie homs vodiant. A herzlichis grias gott wünscht ihnan Charly.“

Auf Hochdeutsch? „Alle Gute für Sie und ihre Tiere. Gehen Sie gut mit ihnen um, sie haben es verdient. Ein herzliches Grüß Gott wünscht ihnen Charly.“